28. Mangyongdae Prize International Marathon Nordkorea, Pjöngjang

Genau drei Wochen nachdem ich in Seoul gelaufen war stand der Marathon im Norden Koreas auf meiner persönlichen Agenda. Nordkorea, welches sich selber als Demokratische Volksrepublik bezeichnet, ist laut Auswärtigem Amt eines „... der für Ausländer am schwersten zugänglichen Länder.” Bei meiner Recherche fiel mir auf, dass differenzierte Berichte über den Marathon Mangelware waren. Jedoch gibt es jede Menge Reisereportagen und Hinweise zum Land selbst welche ich genau studierte. Danach hatte ich schon eine Vorahnung von den Möglichkeiten und noch mehr von den Begrenzungen welche mit dieser Marathonreise verbunden sein würden. Das betraf noch die Theorie. Wie es sich dann später anfühlte, einige der in den Reiseschilderungen enthaltenenen Restriktionen tatsächlich zu erleben, dies übertraf dann doch meine bisherigen Vorstellungen und Erfahrungen. So ist auf der Seite des Auswärtigen Amtes zu lesen:  

  • In jüngster Zeit ist es, wegen angeblicher republikfeindlicher Verbrechen, mehrfach zu Festnahmen von Ausländern gekommen. Mehrere Ausländer wurden zu teilweise langjährigen Haftstrafen bzw. Arbeitslager verurteilt. Als republikfeindlich kann dabei eine Vielzahl von Akten eingestuft werden.
  • Ausländische Medien sind nicht erhältlich; Zugang zu ihnen ist Einheimischen untersagt.
  • Internetverbindungen stehen Reisenden in der Regel nicht zur Verfügung.
  • Eine Respektierung des herrschenden Personenkults wird erwartet.
  • Das Fotografieren aller als sicherheitsrelevant geltenden Bereiche (militärische Anlagen, Bahnhöfe, Flughäfen, Hafenanlagen, Brücken etc.) ist verboten. Gleiches gilt für alles, was die Staatsorgane als dem eigenen Image abträglich ansehen könnten, z. B. auch ärmlichere Teile der Städte. Im Zweifelsfall wird empfohlen, die ständig anwesende Begleitung zu fragen.
  • Spontane Unterhaltungen mit Nordkoreanern können die Angesprochenen in Schwierigkeiten bringen.
  • Die Einreisekontrollen sind zurzeit sehr streng. Sie schließen die Durchsuchung von Computern, Handys und Kameras ein. Beanstandete Dateien werden gelöscht. In einigen Fällen wurden ganze Applikationen gelöscht bzw. eine Festplatte neu formatiert. 

Schnell war klar, dass eine Reise im individualtouristischen Sinne vollkommen ausgeschlossen war. Eine Tour zum Marathon wurde jedoch von einigen Veranstaltern als Gruppenreise angeboten. Ich buchte dann über eine Agentur mit Sitz in China. Über diese bestand die Wahlmöglichkeit entweder mit dem Zug ab Dandong oder mit dem Flugzeug ab Beijing nach Nordkorea einzureisen. Bereits einige Wochen zuvor musste das Touristenvisum für Nordkorea beantragt werden was die Agentur übernahm. Dieses bestand aus einem Faltblatt versehen mit dem Passfoto und wurde, zusammen mit dem Flugticket, erst kurz vor Abflug in Beijing ausgehändigt. In Beijing besteht unter der Bedingung, dass ein Weiterflugticket in ein Drittland innerhalb von 72 Stunden sowie - wenn notwendig - ein Visum für das Drittland nachgewiesen wird die Möglichkeit, ein Transit Visum zu erhalten. Dieses berechtigt zum Aufenthalt im Verwaltungsbezirk Beijings bis zum nächsten Flug wenn dieser innerhalb von 72 Stunden angetreten wird. Der von der Agentur gebuchte Flug war für den Vortag des Marathons 08:00 Uhr vorgesehen. Es handelte sich um keinen regulären sondern um einen zusätzlich eingerichteten Flug welcher leider abgesagt wurde. Ein regulärer Flug war aber noch für 13:00 Uhr vorgesehen und hier hatte ich und die anderen Teilnehmer aus meiner Reisegruppe mit gleichem Transit Visum, zwei Schweden und einen Norweger, noch das Glück einen Jumpseat zu erhalten. Dabei handelt es sich um einen Klappsitz welcher eigentlich nur für den Start und die Landung für die Crewmitglieder vorgesehen ist. Wenn dieser Flug 13:00 Uhr nicht gewesen wäre dann hätte ich ein doppeltes Problem gehabt. Erstens wäre ein Marathonstart nicht möglich gewesen und zweitens hätte ich einen neuen Rückflug buchen müssen um innerhalb von 72 Stunden Beijing verlassen zu können.

Auf einem kleinen neben den Notfalltüren befindlichen ausklappbaren Stuhl konnte ich dann mit Air Koryo, der norkoreanischen Fluggesellschaft, welche wöchentlich lediglich dreimal Beijing, zweimal Shenyang und einmal Wladiwostok anfliegt, nach Pjöngjang reisen. 

Bereits im Flugzeug war auf den Bildschirmen welche sich wegen der Lage meines Klappsitzes in meinem Rücken befanden, die Maranbong Band zu sehen. Die Musik dieser aus nordkoreanischen Frauen mit Uniformen besetzen Truppe weist in der Regel politische oder militärische Bezüge auf. 

Gegen 15:00 Uhr erreichte ich Pjöngjang. Der dortige Flughafen macht einen sehr guten Eindruck. In Empfang genommen wurde ich und die anderen aus der kleinen Reisegruppe von zwei Guides welche freundlich jedoch sehr wortkarg waren. Noch am Flughafen wurden alle Teilnehmer der Gruppe aufgefordert die Reisepässe den Guides auszuhändigen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar, dass die Reise nach Nordkorea kein Wohlfühlurlaub werden sollte. Mit einem modernen Reisebus ging es zum Hotel. Untergebracht wurden wir im Chongnyon. Dieses hat 30 Stockwerke und 465 Gästezimmer. Während der Zeit im Hotel gab es nicht eine einzige nordkoreanische Person welche zum Beispiel im Fahrstuhl eine Grussformel parat gehabt hätte. Danach wurden wir zu einem Restaurant gefahren. Das Essen während der gesamten Reise war immer ausreichend und sehr gut. 

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es rechtzeitig zum Kim-Il-sung-Stadion, der Startarena des Marathons. Zuvor erfolgten genaue Instruktionen durch die nordkoreanischen Guides. Im Bus wurden uns blaue Umhänge gegeben an welchen die Startnummer befestigt werden sollten. Den Umhang fand ich sehr unpraktisch und sagte dies auch einem der Fremdenführer. Dieser reagierte mit einem energischen „You have to...”. Darin war kein Spielraum erkennbar und für mich war klar, dass jegliche Abweichung, entweder durch eine unverträgliche Meinung oder durch indiviuelles Verhalten, zu drastischen Folgen hätte führen können. Von diesem Zeitpunkt schaltete ich auf adaptive Freundlichkeit um - was im Nachhinein sicherlich die beste aller möglichen Strategien war – weitere konfrontative Situationen zu vermeiden.

Vor dem Stadion sammelten sich die Teilnehmer aus aller Welt welche in unterschiedlichen Hotels untergebracht waren. Ich lief mich warm und sah einen anderen Läufer welcher dies ebenfalls tat. Ich sprach ihn an und so lernte ich meinen Namensvetter Sebastian kennen welcher in Südkorea arbeitet. Wir freuten uns sehr denn es stellte sich heraus, dass er ebenfalls zuvor am Marathon in Seoul teilgenommen hatte.

Der Einmarsch in das mit 50.000 Zuschauern voll besetzte Stadion erfolgte im Sinne einer Delegation hinter einer Trägerin welche ein Schild mit der Aufschrift „42.195 km“ hielt. Viele Teilnehmer hielten ihre Smartphones in der Hand und fertigten Fotos und Videos des Spektakels. Auf dem Rasen wurden sodann Blöcke gebildet und dann ging es recht schnell und es erfolgte die Aufstellung zum Start. Neben dem Marathon, welcher mit einem IAAF Bronze Label ausgezeichnet ist, wurde auch noch ein Halbmarathon und ein 10 Kilometer Lauf ausgetragen. Der Marathon wurde erst im Jahr 2014 für ausländische Amateure geöffnet. Die Marathonläufer standen separiert von den Läufern der Kategorien Halbmarathon und 10 Kilometer. 

Ich war erstaunt, dass sich in Relation zu den GesamtläuferInnen der einzelnen Teilstrecken relativ wenige Teilnehmer für den Marathon entschieden hatten. Dies lag vielleicht auch daran, dass bis 2016 das Zeitlimit bei 4 Stunden lag. Vor dem Marathon 2017 hatte das Organisationskomitee dieses Limit auf 4 ½ Stunden ausgeweitet. Jedoch wurde eine Woche vor dem Marathon entschieden, das Limit wieder auf 4 Stunden zu reduzieren. Als Begründung wurde angegeben, dass in der Woche des Marathons die Pflichtspiele zum Asien-Cup der Asiatischen Fußballkonföderation (AFC) ausgetragen werden sollten. Zwei Tage vor dem Marathon spielten erstmals seit 1990 wieder die Frauen der südkoreanischen gegen die Fussballerinnen Nordkoreas und es ist sicherlich interessant zu erwähnen, dass dabei auch die südkoreanische Flagge gehisst sowie die Nationalhymne Südkoreas gespielt wurde. Solche Zeichen sind geeignet Licht ins Dunkel zu bringen.

Der Start zum Marathon erfolgte pünktlich. Eine halbe Stadionrunde und hinaus ging es auf die Strassen von Pjöngjang wobei es zuerst an dem sich vor dem Stadion befindlichen  Triumphbogen, welche dem in Paris nachempfunden wurde, vorbei ging. Dieser ist 60 Meter hoch und 50 Meter breit. Er wurde 1982 zum 70. Geburtstag von Kim-Il-sung eingeweiht. Schnell verteilte sich das Teilnehmerfeld auf den sehr breiten Strassen. Die Halbmarathonläufer starteten etwas später. In der Ferne war das den gesamten Marathon gut sichtbare Ryugyong zu sehen. Dieses 330 Meter hohe pyramidenförmige Gebäude soll irgendwann einmal als Hotel mit 105 Etagen dienen jedoch hat sich die Eröffnung bisher immer verschoben. Ryugyong bedeutet „Stadt der Weiden“, ein früherer Name Pjöngjangs. 

Der Marathon fand bis 2016 auf vier Runden um das Stadion statt. 2017 gab es nun erstmals eine Streckenänderung mit einem Wendepunkt und dem Vorteil, entlang des Marathons mehr von Pjöngjang sehen zu können. Vorbei ging es am Kim-Il-sung-Platz auf welchem die Massenaufmärsche stattfinden. Er umfasst 75.000 Quadratmeter und liegt damit an der 16. Stelle der weltgrößten Plätze. Dort befindet sich auch das Ausenhandelsministerium und die Zentrale der Partei der Arbeit.

Von dort aus ist auch der Chuch’e-Turm zu sehen welcher sich auf der anderen Seite des Taedong Flusses befindet. Er symbolisiert die Chuch’e-Ideologie, welche von Kim-Il-sung grundgelegt wurde. Chuch’e bedeutet so viel wie Selbstgenügsamkeit aber auch Selbständigkeit. Die drei Säulen dieser Idologie beinhalten 1. Politische Souveränität, 2. Wirtschaftliche Selbstversorgung und 3. Militärische Eigenständigkeit. Die historische Erfahrung in Kombination mit der Politik des Son'gun, also dass das Militär an erster Stelle steht, beinhaltet ein festgefügtes Erfahrungs- und Weltbild, welche die Schwierigkeiten Nordkorea zu einer Öffnung zu bewegen gut erklärt. 

Alleine darin ist schon begründet, dass m.E. mit äusserem Druck keine Veränderungen erreichbar sein werden da es sich um eine in sich geschlossene, sich immer wieder wie bei einem Automatismus selbst bestätigende und autarke Form der Regierungsausübung handelt. Massenpsychologisch kann so jegliche Abweichung im Sinne einer sich selbst bestätigenden Prognose systemfestigend genutzt werden. Dies sollte allerdings in einem geschichtshistorischen Kontext gesehen werden. Denn Pjöngjang, ebenso wie fast alle damaligen Städte,  wurde am 29. August 1952 von mehr als 1.400 Bomben nahezu völlig zerstört. Im Koreakrieg zwischen 1950 und 1953 wurde Nordkorea im Rahmen des Luftkrieges fast vollständig in die Steinzeit gebombt, nahezu alle Industrieanlagen wurden unbrauchbar gemacht. Die US-Luftwaffe warf damals 450.000 Tonnen Bomben und mehr als 30.000 Tonnen Napalm auf Nordkorea ab. 

Nach ca. 13 Kilometern wurde aus der Stadt herausgelaufen. Mehrere Matten für die Chipzeitmessung waren entlang der Strecke verteilt. Wasserstellen gab es alle 5 Kilometer. In der Nähe dieser waren auch immer wieder Gruppen von Einwohnern, welche den Läufern zugewunken haben, zu sehen. Schade, es gab während des Aufenthaltes nicht eine einzige Möglichkeit, mit einem der Bürger anstatt mit den Guides zu sprechen. Hier ist für mich auch der entscheidende Punkt. Ich sehe einen Marathon immer auch als Mittel der Völkerverständigung. Ich lerne gerne von anderen Kulturen. Vermittelt wird es meistens über zwischenmenschliche Kontakte. Dies war in Nordkorea nicht nur nicht möglich sondern absolut unerwünscht. Beispielsweise war es nicht möglich einen Einwohner nach der Uhrzeit zu fragen. Dies hätte sicher sehr unangenehme Folgen für diese Person gehabt da jeder Tourist auch gleichzeitig als potenzieller Provokateur gesehen wird und die Nordkoreaner andererseits vor „schädlichen” Einflüssen geschützt werden müssen. 

In Pjöngjang gibt es generell nicht viel fliessenden Verkehr. Da während des Marathons alle Seitenstrassen abgesperrt waren wirkte das gesamte Stadtbild sehr merkwürdig. Trotzdem war das Laufen auf den sehr breiten Strassen ohne weit und breit ein Fahrzeug zu sehen, eine für mich vollkommen neue, nicht unangenehme Erfahrung. Genrell muss auch erwähnt werden, dass die Menschen in Pjöngjang einen zufriedenen und sehr beschäftigten Eindruck machten. Die Stadt ist ausgeprochen sauber. Das betrifft auch die ins Auge stechende Kleidung der Bevölkerung. Männer tragen in der Regel Anzug und die Frauen modischen Schick.

Nach dem Wendepunkt schaute ich vermehrt auf meine Uhr und kontrollierte die  Geschwindigkeit wobei die Nutzung GPS-fähiger Uhren untersagt war. 

Von 212, welche beim Marathon gestartet waren, konnten 151 in die Wertung kommen. Mit 3:38:43 h belegte ich den 45. Platz im Gesamteinlauf. Im Halbmarathon kamen 474 und beim 10 Kilometer Lauf 413 in die Wertung. Wenn man die Zahl der 1.038 erfolgreichen Finisher aller Strecken ins Verhältnis zu den 50.000 Menschen, welche jeden Einzelnen der die letzte Runde im Kim-Il-sung-Stadion drehen durfte bejubelten und dabei auch noch die nicht alltäglichen Rahmenbedingungen beachtet, so bleibt diese Veranstaltung als etwas Einmaliges in Erinnerung.

Die Zeit nach dem Lauf war komplett durchorganisiert. Noch am gleichen Tag wurden verschiedene Gedenkstätten besucht. Eine tiefe Verbeugung und Ehrerbietung wurde erwartet. Am nächsten Tag ging es nach Kaesong und zur Demarkationslinie der Demilitarisierten Zone, genannt „Panmunmom“. Dort wurde das Ende des Koreakrieges verhandelt. Seoul, wo ich drei Wochen zuvor die Qualifikation für Boston erlangte, ist von dort nur 60 Kilometer entfernt. Am nächsten Tag besuchten wir noch das Mansudae Art Studio. Dieses und der Besuch einer Neigungsschule mit musikalischer Darbietung der Schüler waren für mich die Highlights des Rahmenprogramms. Wenn Nordkorea etwas mutiger wäre und die vorhandenen Kontakte im Bereich Sport und Kultur nicht nur als einseitige Präsentation sondern auch für ein Lernen vom Anderen nutzen würde, so müsste man sich um die Zukunft dieses Landes, welches fest von einer Wiedervereinigung mit Südkorea ausgeht, keine Sorgen machen. Doch die Denkweise ist in dieser Beziehung eher als egozentristisch zu bezeichnen. So wurden wir während der Busfahrt gefragt, weshalb seitlich der Strasse namens „Reunification“, also der Strasse der Wiedervereinigung, einige Wohnhäuser leer stehend seien. Die Antwort irritierte uns denn man meinte, diese würden leer stehen damit nach der Wiedervereinigung die ersten Südkoreaner dort einziehen könnten. 

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